Todesmutiges Experiment oder historisches Meisterwerk? Das wird sich gleich zeigen. Ich habe mir vorgenommen, eine RAF-Pilotenfigur (ca. Herbst 1940 bis Sommer 1941) zu bemalen – und das möglichst so, dass er danach nicht aussieht wie ein geschmolzenes Plastikmännchen. Die Challenge: Schafsleder, gummiertes Leinen, Wolle und menschliche Haut im Miniaturmaßstab so darzustellen, dass man die Texturen fast fühlen kann. Spoiler: Ich bin absoluter Figuren-Anfänger. Ihr dürft mir also live beim Scheitern oder Siegen zusehen!
Mein Werkzeug der Wahl ist das Revell Aqua Color System. Die Farben trocknen super und haben genug Pigmente, um sowohl mit dem Pinsel als auch mit der Airbrush ordentlich zu decken (wenn man weiß, was man tut).
Eigentlich soll das Ganze hier eine Art Leitfaden werden, wie wir gemeinsam das Maximum an historischer Authentizität aus so einer Figur herauskitzeln, damit der Pilot am Ende lebendig wirkt. Aber machen wir uns nichts vor: Macht euch einfach mit mir auf die Reise, schnappt euch eure Pinsel und lasst uns gemeinsam die ersten Figuren verhunzen – oder eben über uns hinauswachsen!
Das "Opfer" meines ersten Gehversuchs ist eine Figur aus dem ICM-Set 32118 im Maßstab 1:32. Die Figur bringt richtig Atmosphäre mit und fängt das Schicksalsjahr 1940 perfekt ein: Dargestellt ist ein Pilot in einer herrlich tiefenentspannten Pose. Er hat die Landung hinter sich, starrt in den Himmel über dem Flugplatz und schaut wohl gerade nach, ob seine Kameraden nach einem weiteren, kräftezehrenden Einsatz auch alle heil runterkommen. Genau diese "Ich-hab-erstmal-Feierabend"-Ausstrahlung macht ihn zum geborenen Hauptdarsteller für jedes Diorama, das den knallharten, aber manchmal eben auch stinknormalen Alltag auf den Feldflugplätzen während der Battle of Britain zeigen will.
Jetzt kommt der Trick, bei dem wir Modellbauer uns wie die größten Meisterdiebe fühlen können: Das Set ist die perfekte Basis, um die Figur mit minimalem Aufwand von der Navy zur Air Force zu "schmuggeln". Da die Jungs damals im Grunde dieselbe Ausrüstung am Leib hatten – allen voran der einteilige Fluganzug und die Rettungsweste –, läuft die ganze Transformation fast ausschließlich über die Farbpalette.
Während die Fleet Air Arm (FAA) eher auf dunklere Khaki- oder Blautöne stand, verpassen wir der darunterliegenden Dienstuniform einfach das klassische RAF Blue-Grey – und schwupps, schon wechselt er die Fronten. Die einzige echte Hürde für zittrige Anfängerhände (wie meine): Die Dienstgradabzeichen an den Ärmeln. Hier müssen wir dem kleinen "Loop" (der berühmten Executive Curl der Navy) vorsichtig den Garaus machen und stattdessen die schlichten, geraden Balken der RAF aufpinseln. Wenn wir das unfallfrei hinkriegen, ist die Versetzung perfekt. Aus dem Marineflieger wird im Handumdrehen ein waschechter Pilot des Fighter Command, der im Geist eigentlich schon in seiner Spitfire sitzt. Oder in meinem Fall: Ein Pilot, der hofft, dass mein Pinsel heute einen guten Tag hat.
Bevor wir den Pinsel schwingen und das Plastikmännchen unabsichtlich in ein modernes Kunstwerk verwandeln, müssen wir kurz über den Grundstoff für unser Projekt reden: Revell Aqua Color. Die Farben sind Acryl-Dispersionsfarben auf Wasserbasis. Klingt hochtrabend, heißt aber im Klartext: Die Bude stinkt danach nicht wie eine Chemiefabrik und die Umwelt bedankt sich auch.
Ein riesiger Pluspunkt für alle, die (wie ich) absolut keine Geduld haben: Das Zeug trocknet verdammt schnell. Nach einer Stunde könnt ihr meistens schon die nächste Schicht drüberjagen, um eure vorherigen Fehler zu kaschieren. Komplett durchgehärtet und krisenfest ist das Ganze dann nach etwa zwei bis drei Stunden.
Jetzt wird es psychologisch: Wenn wir einfach den Pinsel in den Topf tunken und loslegen, sieht unser Pilot danach aus wie mit Raufasertapete überzogen. Wir müssen die Viskosität einstellen – sprich: Die Suppe muss dünner werden.
Für die Grundierung oder das schichtweise Aufbauen der Farben hat sich eine Verdünnung von maximal 20 bis 25 % bewährt. Ihr könnt dafür stinknormales Leitungswasser nehmen oder den offiziellen Aqua Color Mix. Letzterer ist nicht nur ein Verdünner, sondern fungiert auch als Trocknungsverzögerer (Retarder). Das ist der heilige Gral für uns, denn er verlängert die sogenannte "Offenzeit" – die Farbe trocknet auf der Palette und am Modell also nicht schon ein, während wir noch überlegen, wo oben und unten ist. Außerdem hilft uns das ungemein dabei, weiche Farbübergänge (Blending) hinzubekommen, ohne dass es aussieht wie gewollt und nicht gekonnt.
Nachdem die Theorie sitzt, schauen wir uns mal an, welche bunten Töpfe aus dem Revell-Regal ich für dieses Experiment zusammengesucht habe:
Jetzt kommen wir zur absoluten Königsdisziplin, vor der mir als Anfänger am meisten die Knie schlottern: die menschliche Haut. Wenn man hier patzt, sieht der stolze Pilot am Ende aus wie eine Schaufensterpuppe aus den 80ern oder als hätte er eine Überdosis Selbstbräuner erwischt.
Wir dürfen ja nicht vergessen: Der Kollege hier hat im Schicksalsjahr 1940 gedient. Dauertest für die Nerven, Schlafmangel, die gleißende Sonne in großen Höhen und dazu ein feiner Film aus Motorruß und Schweiß – das hinterlässt Spuren im Gesicht. Unser Ziel ist also kein Model-Teint für ein Hochglanzmagazin, sondern die Haut eines gestressten, wettergegerbten Typs, der gerade um sein Leben geflogen ist. Na dann, Chapeau... Packen wir es an!
Der größte Anfängerfehler (den ich glücklicherweise dank fleißiger Recherche umschifft habe): Man nimmt den Topf Revell 36135 (Hautfarbe matt), pinselt das Gesicht damit komplett an und wundert sich, warum der Pilot aussieht wie Ken aus dem Barbie-Traumhaus. Das wirkt einfach total unnatürlich.
Echte Haut ist ja nicht einfarbig flach, sondern ein wildes Zusammenspiel aus verschiedenen Schichten, durch die Blutgefäße, Schatten und Pigmente durchschimmern. Statt der "Ein-Topf-Methode" arbeiten wir uns deshalb mit extrem verdünnten Lasuren und Filtern vor. Das klingt kompliziert (und fühlt sich für mich auch noch so an), ist aber der einzige Weg, um dem Gesicht echte Tiefe und Leben einzuhauchen.
Da wir uns ja einig waren, dass die pure Hautfarbe aus dem Topf direkt in die Modellbau-Hölle führt, mixen wir uns jetzt unser eigenes Alchemisten-Süppchen zusammen. Hier ist mein Schlachtplan für das Gesicht:
Die Basisschicht (Der "Ich war mal an der frischen Luft"-Ton): Wir nehmen 36135 Hautfarbe und mischen eine winzige Messerspitze 36188 Ockerbraun unter. Das ergibt einen gesunden, leicht sonnengebräunten Grundton. Quasi der Pilot, bevor der Stress des Tages einsetzte.
Die Schatten (Bloß kein Schwarz!): Wer jetzt zu Schwarz greift, um Schatten unter die Nase zu malen, hat schon verloren – das sieht am Ende aus wie Ruß nach einer klassischen Motorexplosion. Stattdessen mischen wir in unsere Basisfarbe etwas 36184 Lederbraun und einen Hauch 36136 Karminrot. Und jetzt der absolute Profi-Geheimtipp, bei dem ich erst dachte, man will mich veräppeln: Für die ganz tiefen Schatten (unter dem Kinn oder den Augenlidern) nehmen wir einen winzigen Mikrotropfen 36156 Blau. Das Blau kühlt den Schatten ab und erzeugt eine optische Tiefe, die richtig genial wirkt.
Die Highlights (Licht an!): Die Stellen, die im Gesicht am weitesten herausstehen – also Nasenrücken, Wangenknochen und Stirn –, hellen wir Schritt für Schritt auf. Dafür mischen wir einfach immer ein Tröpfchen 36105 Weiß in unsere Basismischung. Aber Vorsicht: Schön dezent, wir wollen ja keinen Geist malen.
Die Vitalität (Leben einhauchen): Damit der Kollege nicht aussieht wie frisch aus der Pathologie, verpassen wir ihm ein bisschen Durchblutung. Wir nehmen 36136 Karminrot, verdünnen es so extrem mit Wasser, dass es eigentlich nur noch farbiges Wasser (eine Lasur) ist, und tupfen das ganz vorsichtig auf die Wangen, die Nasenspitze und die Ohrläppchen.
Wenn ihr bis hierhin gekommen seid, ohne einen Nervenzusammenbruch zu erleiden: Herzlichen Glückwunsch. Jetzt kommt der Endgegner. Die Augen. Ein falscher Millimeter-Zucken mit dem Pinsel, und der Pilot schielt so hart, dass er seine eigene Spitfire nicht mehr finden würde.
Damit der Blick am Ende fokussiert und nicht völlig irre wirkt, gehen wir strategisch vor:
Die Augenhöhle: Erstmal wird die Höhle dunkel schattiert. Das gibt dem Auge später einen Rahmen.
Das "Weiß" im Auge: Wir nehmen auf gar keinen Fall reines Weiß. Das würde aussehen wie bei einem Comic-Kaktus, der sich erschreckt hat. Stattdessen mischen wir Weiß mit einem winzigen Hauch Hautfarbe – ein sogenanntes gebrochenes Weiß. Damit ziehen wir vorsichtig das Augenweiß nach.
Die Pupille: Jetzt braucht ihr den feinsten Pinsel, den euer Budget hergegeben hat, und einen felsenfesten Ruhepuls. Mit 36109 Anthrazit setzen wir einen präzisen, winzigen Punkt.
Der Master-Trick: Wenn die Pupille sitzt (und hoffentlich in beide Augen in die gleiche Richtung guckt), kommt der absolute Clou: Ein Mikropunkt Glanzlack direkt aufs Auge. Das simuliert die natürliche Feuchtigkeit und sorgt dafür, dass sich das Licht der Zimmerlampe darin spiegelt – als würde der Pilot wirklich den Himmel über England nach Kameraden absuchen.
Tief durchatmen, Pinsel spitzen... und bloß nicht zittern!
Jetzt knöpfen wir uns das Kleidungsstück vor, das diesen Piloten-Look überhaupt erst so verdammt cool macht: die legendäre "Thermally Insulated Flying Suit, Jacket". Entworfen wurde das gute Stück von Leslie Irvin, und für die RAF-Besatzungen war sie der absolute Lebensretter in eiskalten Höhen. Das Prinzip war denkbar simpel, aber effektiv: erstklassiges Schafsfell, bei dem die kuschelige Wolle nach innen gedreht wurde, damit der Pilot nicht einfriert. Die Außenseite des Leders bekamm eine dunkelbraune Polyacrylat-Beschichtung verpasst. Klingt hochwissenschaftlich, sorgte aber schlicht dafür, dass Wind und Wasser draußen blieben.
Wer jetzt denkt: „Gut, Braun ist Braun“, der war noch nie in einem Modellbau-Forum unterwegs. Das Leder der Irvin-Jacken war ein echter Chamäleon-Faktor. Je nachdem, welche Fabrik das Ding zusammengeschustert hat und wann sie vom Band lief, variierte der Ton von einem soliden Mittelbraun bis zu einem Fast-Schon-Schwarz
Damit die Jacke am Ende nicht aussieht wie eine frisch lackierte Kotflügel-Abdeckung, basteln wir uns jetzt den perfekten Leder-Ton. Schnappt euch eure Pipetten und Paletten, jetzt wird es mathematisch-kreativ:
80 % Revell 36184 Lederbraun (Die solide Basis)
15 % Revell 36108 Schwarz (Für die nötige Tiefe und den "Schick-im-Schlamm"-Faktor)
5 % Revell 36136 Karminrot (Der absolute Profi-Trick: Das Rot sorgt im Hintergrund für diesen typischen, warmen Leder-Unterton, den man sonst nie hinbekommt)
Das Ganze klatschen wir jetzt natürlich nicht in einem dicken Batzen auf die Figur. Stattdessen arbeiten wir uns in mehreren hauchdünnen Schichten vor. Das dauert zwar länger, sorgt aber dafür, dass die Oberfläche am Ende lebendig wirkt und nicht wie mit Schokolade überzogen.
Echtes Leder ist im Gegensatz zu den meisten Modellbau-Farben nicht komplett stumpf matt. Durch die Polyacrylat-Beschichtung hatte das Original immer einen ganz leichten Eigenglanz. Um das im Maßstab 1:32 nachzustellen, haben wir zwei Optionen: Entweder wir polieren die getrocknete Farbe ganz vorsichtig mit einem weichen Tuch (ja, das funktioniert tatsächlich!), oder wir jagen eine extrem dünne Schicht Seidenmatt-Klarlack drüber.
Und jetzt zum Lieblingseffekt aller Detail-Freaks: dem "Crazing". Alte, strapazierte Irvin-Jacken bekamen mit der Zeit lauter winzige Risse in der Beschichtung, durch die das hellere Unterleder oder das Gewebe durchschimmerte. Da wir das im Miniaturformat unmöglich alles mit dem Haarpinsel nachziehen können, greifen wir zu zwei altbewährten Tricks:
Stippling: Wir "tupfen" mit einem fast trockenen, struppigen Pinsel minimale, hellere Farbpunkte auf die strapazierten Stellen.
Kantenaufhellung: Die Ränder von Falten und Nähten bekommen einen Hauch helleres Braun ab, um Abnutzung zu simulieren.
Wenn wir das unfallfrei hinkriegen, sieht die Jacke danach aus, als hätte sie schon 50 Einsätze über dem Ärmelkanal hinter sich. Wenn nicht... nun ja, dann hat der Pilot eben eine brandneue Jacke vom Quartiermeister bekommen!
Die Kantenabnutzung: An den Nähten, Taschenrändern und Bündchen zeigt sich das Leder von seiner verletzlichen Seite. Hier greifen wir zum Drybrushing (Trockenmalen): Wir nehmen eine Mischung aus 36184 Lederbraun und 36188 Ockerbraun, streichen den Pinsel auf einem Küchentuch fast komplett trocken und wischen damit ganz sachte über die erhabenen Stellen. Wie von Zauberhand taucht der Look von abgewetztem Leder auf.
Zips und Schnallen: Die Irvin-Jacke war vollgepackt mit fetten Messingreißverschlüssen (von legendären Marken wie D-o-T oder CROWN). Die verpassen wir nicht einfach nur einen Klecks Silber, sondern wir nehmen echtes 36192 Messing. Damit die Reißverschlusszähne im Maßstab 1:32 plastisch wirken, jagen wir nach dem Trocknen eine dunkle, wässrige Lasur (ein Wash) drüber. Die Suppe läuft in die Vertiefungen und lässt die Metallstruktur so richtig knackig hervorheben.
Zum Schluss verpassen wir dem Piloten noch seinen dicken, markanten Kragen. Hier kam die ungeschorene, natürliche Wolle des Schafsfells zum Vorschein. Im Jahr 1940 waren die Dinger meistens noch richtig schön hell – farblich irgendwo zwischen einem cremefarbenen Weiß und einem warmen Goldbraun.